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Web 2.0

Nachdem ein Versionssprung propagiert wurde, stellt man fest, dass die Neuerungen schon in der alten Version angelegt waren. Das wiederum ist keine Erkenntnis, die den Hype rechtfertigt, der nun um den Begriff Web 2.0 losgebrochen ist.

Was ist geschehen? In bester amerikanischer Marketingtradition wurde eine Steigerungsform in Tech-Speech erdacht und als Markenzeichen für eine Konferenzserie verwendet. Wie weiland David Siegel die Konstruktion von Webseiten einer ominösen "zweiten Generation" erklärte, widmen sich die Web 2.0-Konferenzen des O'Reilly-Verlages dem Unterschied von älteren und modernen Internetanwendungen. Die Kritiker sprechen von einer Mogelpackung, das angeblich "neue Netzverständnis" habe durchaus bereits dem "alten Web 1.0" zugrunde gelegen, so kein Geringerer als Tim Berners-Lee, der Begründer des World Wide Web.

Unbestreitbar haben O'Reilly und seine Leute einen Trend erkannt, den auch Andere bemerken und der sie berührt, sonst wäre die Diskussion nicht entstanden. Man beobachtet, wie statische Webseiten durch komplexe Internetapplikationen ersetzt werden (Web-Fotoalbum vs. Flickr). Informationen werden vom Besucher nicht mehr nur abgerufen, sondern selbst aktiv beigetragen, modifiziert, gestaltet (Encyclopædia Britannica Online vs. Wikipedia). Aktuelle Meldungen müssen nicht mehr aktiv aufgerufen, sondern können im Abonnement automatisiert bezogen werden (Nachrichten-Portal vs. Newsfeed). Diskussionen werden nicht mehr über Mailprotokolle abgewickelt und Anfragen nicht über statische FAQs abgehandelt (Mailinglisten, Newsgroups, FAQ-Seiten vs. Webforen). Werbung wird dem Besucher kontextbezogen serviert, was voraussetzt, dass der Kontext zunächst analysiert, Daten erhoben und gespeichert werden (DoubleClick vs. GoogleAdSense). Die statische persönliche Webseite wird durch ein Blog ersetzt. Ich könnte noch weitere Beispiele nennen.

Web-2-Architektur Quelle: http://web2.wsj2.com

Aus technischer Sicht werden dem Web 2.0 Verfahren zugeordnet, die zwar teilweise schon länger bekannt sind, deren Verwendung aber erst mit der Verfügbarkeit breitbandiger Netzzugänge Sinn macht. Die Tendenz geht dahin, den Browser zur universellen Client-Anwendung zu machen, die mit der jeweils benötigten Applikation auf dem Server kommuniziert. Die persönliche Arbeitsumgebung ist von jedem internetfähigen PC an jedem beliebigen Ort aus verfügbar. Selbstredend werden Daten nicht mehr auf der lokalen Festplatte, sondern auf dem Server abgelegt.

Schöne neue Welt! Auf ideologische Gesichtspunkte will ich nicht weiter eingehen. Lassen wir außer Acht, ob es vertretbar ist, persönliche Daten auf fremden Servern abzulegen oder auf die Korrektheit von Informationen zu vertrauen, die prinzipiell jeder verändern kann. Mein Punkt ist vielmehr, dass das Buzzword Web 2.0 eine Entwicklung benennt, die zwar keinen Paradigmenwechsel darstellt, aber durch das Bild des Versionssprungs sehr treffend beschrieben wird. Die neue Version von Web beruht auf der alten Version, sie kann mehr als der Vorgänger, und sie bringt so etwas wie ein neues, erweitertes Dateiformat mit. Das ist mein Bild für etwas, was der Benutzer gar nicht wahrnimmt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es sich auf breiter Front durchgesetzt haben wird.

Wir können die Entwicklung nun benennen, wie wir einst die Webseiten mit den vielen Layout-Tabellen und Blind-GIFs benennen konnten. Mittlerweile sind wir bei Seiten der vierten oder fünften Generation angekommen, ohne dass jemand mitgezählt hätte. Web 3.0 wird es ebensowenig geben. Buzzwords muss man immer wieder neu erfinden. Aber hilfreich sind sie schon.

28.10.2006 · Permalink

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